Ruhland – Von Hühnerhändlern und Wurfpfeilen

Ruhland, Lost Place, Bahnhofstraße
Ruhland, Lost Place, Bahnhofstraße

Jede Stunde fährt ein Zug von Dresden nach Ruhland, und ich war noch nie da.  Ruhland, dachte ich, so nahe bei Lauchhammer und Schwarzheide, Braunkohle und Chemie, das muss ja schrecklich aussehen.  Plattenbauten und all das. Aber vielleicht gibt es interessante Industrieruinen. Lost places. Also stieg ich kurz vor 10 aus dem Zug und befand mich, ganz wie erwartet, auf einem Eisenbahnknotenpunkt. Die Berliner Strecke ist noch im Bau und hier musste jedermann umsteigen. Nur ich war angekommen und spazierte gemütlich die Allee entlang, vorbei an gewaltigen Eisenträgern und an einem Parkplatz, wo am Vortag, wie ein Plakat vermeldete, ein fliegender Händler Hühner und Futtermittel für dieselben feilgeboten hatte. Das Feld „Wo“ war mit „Hier“ eindeutig genug ausgefüllt.  Dass unter den angebotenen Hühnerrassen auch Broiler aufgeführt waren, hielt ich mit großstädtischer Ignoranz erst einmal für ein lustiges Versehen, bis die Wikipedia mich enes Besseren belehrte: Broiler SIND eine amerikanische Hühnerrasse. Dabei gibt es die verschiedensten Unterströmungen und Überschneidungen, so wird etwa der ISA-257 sowohl als Broiler wie auch als Mäusdorfer Landgockel vermarktet. Man kann sich das nicht ausdenken. Das Zweinutzungshuhn, dessen Name mir immer so gut gefiel, geht jetzt als Bruderhahn über die Geflügeltheke, erfuhr ich bei Gelegenheit dieser kleinen Googelei.

Gleich um die Ecke liegt der Busbahnhof und die Raucher-Gaststätte Bus Pick, Heimat der Dartliga Niederlausitz. Die Mannschaften haben teils martialische Namen wie Frontschweine,  Zivildarter, Die Legionäre, andere mögen es eher behaglich , wie die Couch Cowboys, die Komanda Druschba und vor allem Muddi’s Crew. Dass die Busse jedoch mit Wurfpfeilen gespickt werden, wie der Name des Lokals nahelegt, ist entweder eine urbane Legende oder aber eine Erklärung für den Mangel an Busverbindungen in dieser Gegend. Gern wäre ich hier eingekehrt, aber es war noch zu früh, und ich fand später eine noch interessantere Gaststätte.

Ruhland, Alte Post
Ruhland, Alte Post

Immer wieder verschwindet der Kirchturm aus dem Blickfeld, denn die Bahnhofstraße ist leicht gekrümmt, wie viele Straßen in mittelalterlichen Städten, damit die Feinde, wenn sie das Stadttor stürmen, nicht sofort mit ihren Pfeilen die Leute auf dem Markt treffen können. Auch nicht mit Wurfpfeilen.

Das markante rote Gebäude rechts, die Alte Post, hatte gerade Besuch von ihrer Enkelin – einem hochmodernen Fahrzeug mit Elektroantrieb.

(Fortsetzung folgt)

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