Der wilde Hildebrand und kein Bier bei Günther

Lampertswalde, Thiels Gasthaus
Lampertswalde, Thiels Gasthaus

Das Schönste an Lampertswalde ist der Bahnhof. Da muss man einfach austeigen. Die Schatten der Zweige tanzen im Morgenlicht über Thiel’s Gasthaus. Eine Vorstadtstraße, zwischen den langweiligen Häuschen hindurch sieht man das Chemiewerk, das immer mal Jobs anbietet. Eine Maschinenfabrik, 1919 gegründet, ein Haus mit der Inschrift „Landmaschinen u. Schlepper“, sieht inaktiv aus. Auf das Honigplakat vom Imker hat jemand einen Aufkleber mit dem heiligen Ambrosius, Schutzherr der Bienen und Imker, geklebt. Der Imker selbst oder ein marodierender Missionar? Wir werden es nie erfahren. Nun kommt schon die Martinskirche in Sicht, wo 1206 der wilde Priester Hildebrand wirkte, „würschte“, wie der Sachse sagt, was ebenso gut wirkte wie würgte bedeuten kann. „Mit bewaffneter Hand“ versuchte er die Kontrolle über die Kmehlener Kirche zu erlangen. Aber damals gab es noch keine Aufkleber.

Lampertswalde, Gänse
Lampertswalde, Gänse

Passend zur Martinskirche eine wachsame Gänseherde, lärmend als wollten sie noch einmal den Heiligen verraten, damit er zum Bischof gemacht werde. Doch die Kirche ist nicht nach dem Bischof aus dem Gänsestall benannt, sondern nach Martin Luther, der auf einer Reise durch Sachsen auch hier gepredigt haben soll.

Lampertswalde, Einkaufsmarkt Linge & Lorenz
Lampertswalde, Einkaufsmarkt Linge & Lorenz

Und auch das ist heutzutage ein kleines Wunder: dieser Ort hat noch einen Einkaufsmarkt. Dahinter trägt ein Stein eine kleine Tafel zum Gedenken an die Gründung des Männergesangsvereins. 1883, im Jahr der Benennung der Martinskirche. Damals muss hier ordentlich was los gewesen sein. Neun sangesfreudige Männer trafen sich unter Leitung von Kantor Oberlehrer Heinrich Richter, heute sind es 18 Sangesbrüder, die dringend Nachwuchs suchen und sich im Musikvereinsraum am Bergsportplatz mit einem kräftigen „Lied hoch!“ begrüßen.

Lampertswalde, Schule, Spruch
Lampertswalde, Schule, Spruch

Wenige Jahre nach der Kirchweihe entstand auch die Schule, die noch immer den Novalis-Spruch trägt: „Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter.“

Lampertswalde, Kirche, Tor
Lampertswalde, Kirche, Tor

Durch eine schmale Gasse geht es zur Kirchhofspforte, hinter der die geöffnete Tür auf Nachzügler wartet, denn es hat bereits geläutet. Ich bleibe aber im Vorraum und betrachte das Grabmal der Demut von Miltitz (geb. von Bünau, * 1563), und die Listen der Pfarrer und Kirchenschullehrer von Lampertswalde. Beim Hinausgehen fallen mir die Kriegerdenkmäler neben der Kirchentür auf, die mit den martialisch geschwungenen Armen der „Eisernen Kreuze“ nicht so recht zum einfachen christlichen Kreuz mit der Jahreszahl 1694 über der Tür passen wollen.  – Um die Kirche herum, über den Friedhof geht der Weg zum Hinterausgang. Hier ist das Dorf zu Ende, in der Ferne qualmt das Chemiewerk, dessen bescheidene Ursprünge  rechts von der Straße in Gestalt eines Pförtnerhäuschens noch zu sehen sind. Am Fenster klebt ein Kriegerdenkmal der anderen Art, „Always remember first of September (2001) – in Gedenken an die Helden von damals“.  Es geht aber diesmal zum Glück nur um eine Fußball-Niederlage. Sogar das Ortsausgangsschild ist mit der Aufschrift „Dynamoland“ verziert.

Weißig am Raschütz, ehemaliger Gasthof
Weißig am Raschütz, ehemaliger Gasthof

Durch leuchtenden Herbstwald führt die Straße nach Weißig am Raschütz, wo das einstige Gastaus am Pilgerweg, „Günther’s“, kein Bier mehr ausschenkt. Zu essen gab es da zuletzt offenbar schon gar nichts mehr. – Zum Glück hat „Thiel’s Gasthaus“ in Lampertswalde noch geöffnet und ein gutbürgerliches Schnitzel mit Mischgemüse überbrückt sehr angenehm die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges.

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